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Die Bild-Zeitung unterstellt dem Virologen, dass seine Studie über die Virenlast bei Kindern fehlerhaft sei. Experten, die das Blatt zitiert, distanzieren sich vom Zeitungsbericht.

„Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ - so titelt die Bild-Zeitung und wirft Christian Drosten vor, mit seiner „wichtigsten Corona-Studie komplett daneben“ gelegen zu haben. Das Blatt fragt: „Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“

In der Studie ging es um die Frage, ob Kinder genau so ansteckend sind wie Erwachsene. Drosten und sein Team kamen Ende April zu dem Ergebnis, dass Kinder genau so ansteckend sein könnten wie Erwachsene.

Zeitung wirft Drosten „fragwürdige Methoden“ vor

Drostens Einschätzung damals: „Aufgrund dieser Ergebnisse müssen wir vor einer unbegrenzten Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten in der gegenwärtigen Situation warnen.“ Das reibt ihm die Bild jetzt unter die Nase und wirft ihm „fragwürdige Methoden“ vor. Für die Studie seien zu wenig Kinder untersucht worden, bemängle zum Beispiel Professor Leonhard Held vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich.

Drosten selbst wurde von der Bild-Zeitung auch befragt – per E-Mail. Er selbst kündigte den Bericht auf Twitter an. Die Zeitung plane eine „tendenziöse Berichterstattung“ über ihn mit „Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“. Er sollte innerhalb einer Stunde antworten, fand das aber wohl ziemlich dreist und twitterte, dass er besseres zu tun habe.

Interessant: die #Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang. Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun. https://t.co/fghG1rdnnq

Wissenschaftler distanzieren sich von Bild-Bericht

Jetzt melden sich auch Wissenschaftler zu Wort, die im selben Bild-Artikel zitiert werden und kritisieren die Zeitung. Zum Beispiel sagte der deutsche Ökonom Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca im US-Bundesstaat New York lehrt, dem Spiegel, dass er gar nichts von dem Artikel wusste. „Als ich heute von dem «Bild»-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist.“

Erst habe ihm der Mannheimer Statistik-Professor Christoph Rothe gemailt, dann der Bonner Statistik-Professor Dominik Liebl. Beide wurden im Bild-Artikel zitiert – und alle seien „in gleichem Maße unglücklich damit“. Stoye wolle nicht Teil einer Bild-Kampagne sein. Er habe keinen Kontakt mit der Zeitung gehabt, „sie haben mich nicht angefragt, ich habe mich auch nicht angeboten.“

Ich wusste nichts von der Anfrage der BILD und distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen auf das schärfste. Wir können uns mehr glücklich schätzen @c_drosten und sein Team im Wissenschaftsstandort Deutschland zu haben. They saved lifes! 1/n

Niemand von #Bild hat mit mir gesprochen, und ich distanziere mich ausdrücklich von dieser Art der Berichterstattung. https://t.co/GAf840EpqZ

Ökonom sieht Drosten-Studie kritisch

Die Zitate des Ökonomen stammten aus einem Aufsatz, sagte Stoye dem Spiegel. Diesen Aufsatz habe er auf Englisch verfasst, die Bild habe ihn dann aber recht freihändig übersetzt. „So, wie «Bild» meine Zitate verwendet, stehe ich auf keinen Fall dazu.“ Trotzdem gibt Stoye zu, dass er Drostens Studie kritisch kommentiert habe: „Es ist ein wissenschaftlicher Fachaufsatz. Dort wird schon mal eine undiplomatische Sprache verwendet.“

Die Bild-Zeitung unterstellte Stoye auch, er werfe Drosten Manipulation vor. Das weist Stoye von sich. Er habe Drosten und seinem Team mit keinem Wort unterstellen wollen, dass man jemanden habe in die Irre führen wollen. Aber: „Andere Verfahren hätten möglicherweise zu anderen Ergebnissen geführt. Natürlich hätte es auch andere Methoden gegeben. In der Wissenschaft gibt es nicht immer die eine richtige Methode.“

Ich will nicht Teil einer Anti-Drosten-Kampagne sein. Ich stand und stehe in keinerlei Kontakt zur Bild. Natürlich habe ich höchsten Respekt vor @c_drosten. Deutschland kann froh sein, ihn und sein Team zu haben.

Hat die Bild Aussagen aufgebauscht?

Wenig später meldete sich auch Drosten nochmal zu Wort und kritisierte die Art und Weise der Berichterstattung. Die Zeitung habe von einem englischsprachigen Mitarbeiter erfahren, dass man an einem Update der Studie arbeite. Die Bild habe daraus aber eine andere Formulierung gemacht: „Brisant: Nach BILD-Informationen findet die Kritik auch Zustimmung in Drostens Forscherteam. Intern wurden die Fehler bereits eingestanden.“

Der Bild-Reporter hat unseren englischsprachigen Mathematiker am Telefon in die Irre geführt. Er bekam die Auskunft, dass wir grade an einem Update der Studie arbeiten, das aber das Ergebnis nicht ändert. Daraus wird dann eine interne Kritik gemacht https://t.co/w3NjKfo0Ib

Ehemaliger Kollege rechnet mit Bild-Reporter ab

Auch ein ehemaliger Kollege von Bild-Reporter Filipp Piatov, der den Artikel über Drostens angeblich fehlerhafte Studie geschrieben hat, meldete sich bei Facebook zu Wort. Georg Streiter hat seinen eigenen Angaben nach fast 20 Jahre für die Bild und die Bild am Sonntag gearbeitet. Er hält nichts von der Schlagzeile, dass Schulen und Kitas wegen einer angeblich falschen Studie geschlossen seien: „Selbst wenn man die nur als niederträchtig zu bezeichnenden «Recherche»-Methoden von Herrn Piatov ignoriert (darüber ist schon ausreichend geschrieben worden), bleibt festzustellen: Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt. Durch GAR NICHTS!“

Auch für die Behauptung, in Drostens Forscherteam seien „Fehler bereits eingeräumt“ worden, finde sich im Text nicht der Hauch eines Beleges. Die Quelle seien Bild-Informationen. „Wenn man aber jemanden so an die Wand nagelt, dann sollte man schon die Karten auf den Tisch legen“, kritisiert Journalist Streiter. Ob Professor Drosten immer alles richtig mache, wisse Streiter als Journalist nicht. „Aber ich bin mir ganz sicher, dass Prof. Drosten seinen Beruf weitaus besser kann als Herr Piatov seinen.“

Beinahe die Hälfte meiner 34-jährigen Tätigkeit als Journalist habe ich bei „Bild“ und „Bild am Sonntag“ gearbeitet....Gepostet von Georg Streiter am Montag, 25. Mai 2020

Und was ist nun dran an den Vorwürfen?

Sind in der Drosten-Studie nun Fehler gemacht worden oder nicht? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Denn: „Es gibt kein Richtig oder Falsch“, sagt Veronika Simon aus der SWR-Wissenschaftsredaktion in den SWR3 Top-Themen am Mittag. Wenn man andere Methoden bei einer Studie anwende, komme man zu einem anderen Ergebnis. Damit wolle aber kein Wissenschaftler die Fachkompetenz seines Kollegen anzweifeln.

Abstrich bei Corona-Tests (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Jean-Francois Badias/AP/dpa)

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