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Schweden hat im Kampf gegen Corona vieles anders gemacht: keine Kontaktsperren, kein Lockdown, nur Empfehlungen. Jetzt gehen die Neuinfektionen zurück – und es kommt die Kehrtwende?

Die Nachricht kam zuerst im öffentlichen Radio: Die schwedische Gesundheitsbehörde mit ihrem Staatsepidemiologen Andres Tegnell und dem Lockdown-freien „schwedischen Weg“ durch die Pandemie will den Kurs ändern. Bisher wurde Menschen aus dem Umfeld positiv getesteter Corona-Infizierter ja nur „empfohlen“, soziale Kontakte zu vermeiden.

Qurantänepflicht für alle ab 16 Jahren?

Bald soll daraus eine Anweisung werden – eine Art Quarantänepflicht für alle ab 16 Jahren. Und das, obwohl sich die Corona-Lage in Schweden laut Behörde doch entspannt hat und die meisten Leute die Empfehlungen „verinnerlicht“ haben?

Gerade deshalb, sagt Bitte Bråstad, Chefjuristin der Behörde. Ihre Logik: Je weniger Neuinfektionen es gibt, desto weniger Menschen wären auch von schärferen Maßnahmen betroffen, um die Pandemie weiter einzudämmen.

Lange Zeit hatten wir so viele Infektionen, dass strenge Isolationsvorschriften schlecht gewesen wären für die Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass Behörden oder behandelnde Ärzte  solche Entscheidungen hätten treffen können. Aber jetzt ist die Lage günstiger und wir werden sehen, ob wir diese Maßnahme empfehlen, um die Zahl der Neuinfektionen weiter zu reduzieren.

Bitte Bråstad, Chefjuristin der Behörde

Laut Sveriges Radio wird das wohl so kommen. Fachärzte müssten die Pflicht-Quarantäne anordnen, um das Ganze offiziell zu machen. Betroffene hätten dann Anspruch auf Hilfsgelder vom Staat.

Wie soll das kontrolliert werden?

Bei diesen Plänen gibt es einen Haken, und zwar einen sehr landestypischen. Denn Schweden ist nun einmal alles andere als ein Polizeistaat.

Wir können das nicht kontrollieren, das muss freiwillig passieren. Ich denke, die meisten Menschen werden die Regeln befolgen, weil Sie andere nicht anstecken wollen. Aber es gibt immer Leute, die sich nicht ans Gesetz halten. Egal, ob kontrolliert wird oder nicht!

Bitte Bråstad

Aktuelle Zahlen in Schweden

Es wäre ein Bruch mit dem Grundprinzip des „schwedischen Weges“, der auf Vertrauen setzt und dessen „Erfolg“ von vielen gepriesen wird. Dieser Erfolg ist an den aktuellen Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten aber so gar nicht ablesbar.

Danach liegt die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 14 Tagen in Schweden noch immer bei 22,7 und somit weiterhin höher als in Deutschland mit seinen 21,7.

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Die Datenlage ist unklar

Hinzu kommt, dass die Europa-Karte des Zentrums gerade für bisherige Corona-Hotspots in Schweden – also für die Regionen Göteborg und Stockholm – für die bisher letzten erfassten zwei Wochen keinen einzigen neu gemeldeten Fall verzeichnet, was wenig plausibel erscheint und zumindest zeigt, dass die Datenlage unklar ist.

Die Todesrate in Schweden ist weiterhin erstaunlich hoch

Aktuelle Zahlen zeigen: Die Todesrate ist etwa doppelt so hoch wie bei uns in Deutschland, deutlich höher noch als bei den nordischen Nachbarn Schwedens.

„Darüber wird in Schweden aber kaum öffentlich geredet“, sagte ARD-Korrespondent Carsten Schmiester im April. „Die Gesundheitsbehörden beteuern, Schweden habe alles im Griff.“ Und die Menschen in Schweden scheinen auf den Staat zu vertrauen.

Corona in Schweden: Ist der Weg richtig oder falsch?

Ob der schwedische Weg mit weniger Einschränkungen auf der einen, aber eben auch vergleichsweise vielen, nämlich knapp 6.000 Toten auf der anderen Seite,  richtig oder falsch war, das lässt sich weiterhin nicht sicher sagen.  Fest steht nur, dass er unbequemer würde, sollte die Quarantänepflicht tatsächlich kommen.

Virologen warnten im Frühjahr: Dieser Weg ist lebensgefährlich

Es gibt aber auch kritische Stimmen in Schweden. Insgesamt 22 anerkannte schwedische Virologen haben einen offenen Brief an die Regierung geschrieben. Darin warnten sie ausdrücklich vor dem lockeren Umgang mit dem Virus und betonten, dass dieser liberale Weg zu gefährlich sei. Der Preis seien die vielen Toten.

Die Wissenschaftler haben auch geschrieben, dass der Versuch, eine Herdenimmunität zu schaffen, möglicherweise scheitern könnte. Ihre Prognose ist, dass Schweden noch sehr lange, sehr intensiv mit der Krankheit zu tun haben wird. Noch mehr als andere Länder, die deutlich strikter im Umgang sind.

Wenn die Regierung jetzt eine Kehrtwende macht, müsste sie ja zugeben, dass es ein riesiger Irrtum war.

ARD-Korrespondent Carsten Schmiester
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