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Ende 2019 tauchten die ersten Berichte über Kranke auf, die sich in China mit einem bis dahin unbekannten Virus infiziert hatten. Seitdem machen die wildesten Theorien die Runde. Jetzt sorgt eine chinesische Virologin mit ihrer Theorie für Diskussionen.

Wissenschaftler aus der ganzen Welt sind sich einig: Das Coronavirus, das die Pandemie ausgelöst hat und unseren gesamten Planeten seit einem halben Jahr fest im Griff hat, ist von Tieren auf den Menschen übergesprungen.

Aber: wo, wann und von welcher Art ist nach wie vor nicht klar. Das bietet zahllosen Verschwörungstheoretikern und Möchtegern-Wissenschaftlern Platz für ihre abstrusen Thesen.

Coronavirus soll absichtlich freigelassen worden sein

Eine Virologin aus China befeuert jetzt die Theorie, dass das Coronavirus von China in einem Labor hergestellt und absichtlich freigesetzt worden sein soll. Li-Meng Yan hat ihre Arbeit zu diesem Thema Mitte September auf einen Server für Preprints hochgeladen.

Auf solchen Servern liegen wissenschaftliche Arbeiten, die noch nicht von anderen Forschern begutachtet und in einem Fachjournal veröffentlicht wurden.

Gießener Virologe: Sehr einseitiger Bericht

Diejenigen, die Yans Arbeit gelesen haben, widersprechen der Chinesin vehement: „Es wurden Daten einseitig interpretiert. Alles, was gegen ihre Hypothese spricht, wurde einfach nicht berücksichtigt“, sagte der Virologe Friedemann Weber von der Uni Gießen.

„Was da drin steht, hält einem wissenschaftlichen Gutachtertum nicht stand“, sagt Weber. Auch viele seiner Fachkollegen widersprechen Yans Theorie. Der Virologe Stephan Ludwig aus Münster zum Beispiel sieht in Yans Aufsatz eine „Vermischung aus Daten und Vermutungen“.

Studie: Unwahrscheinlich, dass Corona aus einem Labor stammt

Schon zu Beginn der Pandemie im März wurde eine Studie in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Darin kamen die Autoren zu dem Schluss, dass es unwahrscheinlich sei, dass das Coronavirus in einem Labor hergestellt wurde.

Laut Weber liegt das zum Beispiel am Aufbau der Bindestelle zwischen Virus und Zelle: „Wenn man so ein Virus absichtlich konstruieren wollte, würde es anders aussehen.“

Auch der Virologe Christian Drosten sagte in der Diskussion um den Aufbau des Coronavirus schon im Mai: „Wir wiederholen hier eine Diskussion, die wir um die Influenza auch schon geführt haben.“ Schon seit vielen Jahren sei klar, dass so etwas in der Natur entstehe – unter Selektionsdruck, weil es dem Virus etwas nütze, sagte er im NDR-Podcast damals.

Virologe: „Auch in China kein Impfstoff“

Der Virologe Frank Hufert von der Medizinischen Hochschule Brandenburg hält die Arbeit seiner chinesischen Kollegin wegen eines weiteren Punktes für unausgereift: „Es gibt für diese Krankheit auch in China keinen Impfstoff und keine Therapie. Ich sehe keinen Grund, warum man einen Ausbruch im eigenen Land starten und damit Menschen und Wirtschaft gefährden sollte.“

Wer steckt hinter Yans Studie?

Auch viele andere Forscher aus Großbritannien, Frankreich oder den USA kritisierten den Beitrag als unwissenschaftlich. Neben dem Inhalt von Li-Meng Yans hochgeladenem Preprint stören sie sich auch an einem formalen Punkt.

Dort, wo Wissenschaftler sonst ihre Forschungseinrichtung angeben, steht bei Yan und ihren drei Co-Autoren: Rule of Law Society & Rule of Law Foundation. Dahinter verbergen sich keine Institute, sondern zwei Organisationen.
Vergangenes Jahr wurde auf der Webseite der Rule of Law Society noch Steve Bannon als Vorsitzender genannt.

Ex-Trump-Berater diskutiert mit Yan

Bannon ist der Ex-Chefstratege von US-Präsident Donald Trump und gilt als Architekt von Trumps Wahlsieg. Bekannt wurde Bannon auch als Chef der ultrarechten Webseite Breitbart. Im Juli 2017 verließ Bannon das Weiße Haus. Nur ein Jahr später fiel Bannon bei Trump in Ungnade, als er in einem Buch mit abfälligen Äußerungen unter anderem gegen Trumps Tochter Ivanka zitiert wurde.

Erst im Juli standen Yan und Bannon in Virginia zusammen auf der Bühne. In einem Youtube-Video ist zu sehen, dass im Hintergrund groß „War Room Pandemic“ steht – „Kriegsraum Pandemie“.

Gründer der Rule of Law Society ist Guo Wengui – er nennt sich aber auch Miles Kwok. Wengui ist ein Milliardär aus China, der vor einigen Jahren in die USA ins Exil ging. Schon im Januar berichtete sein Nachrichtenportal GNews, China werde bald den „Unfall“ in einem Viruslabor in Wuhan zugeben, aus dem das künstliche Virus stamme.

Kein Beleg für Wahrheitsgehalt der Theorie

Faktenchecker recherchierten, fanden aber keinen Beleg dafür, dass die Geschichte wahr sein könnte. Auch die US-Geheimdienste teilten im April ihre Ansicht mit, dass das Virus nicht im Labor hergestellt worden sei.

Labor geht auf Distanz zu Yan

Als die Krankheit 2019 im chinesischen Wuhan zum ersten Mal ausbrach, forschte Li-Meng Yan in einem Labor an der Universität von Hongkong am Coronavirus. Im April 2020 setzte sie sich in die USA ab. Drei Monate später ging ihr früheres Labor auf Distanz zu Yan: Es gebe keine wissenschaftliche Grundlage für ihre Aussagen.

Nach ihren neuesten Behauptungen hat Twitter ihren Account gesperrt. Facebook und Instagram versahen Videos ihres Fox News-Auftrittes – in dem sie ihre Theorie vorstellte – mit Warnhinweisen von US-Faktencheckern.

Erste Übertragung auf Menschen noch nicht geklärt

Doch wie sprang das Coronavirus nun auf den Menschen über? Darüber sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig. In China komme nämlich nicht nur Wuhan als erster Verbreitungsort in Frage, teilte die Weltgesundheitsorganisation WHO Anfang August mit.

„Es gibt Lücken in der epidemiologischen Landschaft“, hieß es von der WHO. Sie schickte internationale Teams nach China, um dieser und anderen offenen Fragen nachzugehen. Ergebnisse liegen bisher allerdings noch nicht vor.

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