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„Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffen wirst, dieses Video bis zum Ende anzuschauen, ohne am Ende der Meinung zu sein, dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren“, verspricht ein Student in einem Video auf Youtube. Es hat mittlerweile knapp 500.000 Aufrufe. Was ist dran an seinen Thesen?

Das knapp einstündige Youtube-Video Die Zerstörung des Corona Hypes hat nach einer Woche knapp eine halbe Millionen Aufrufe. Es erschien Ende Juni auf dem Kanal Teil der Lösung. Hier stellt sich der Autor zu Beginn selbst vor: Sebastian, Psychologiestudent aus Ulm. Er verspricht: „Ich werde in diesem Video das Thema Corona komplett in seine Einzelteile zerlegen. Und ich fordere dich hiermit heraus zu einer Wette: Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffen wirst, dieses Video bis zum Ende anzuschauen, ohne am Ende der Meinung zu sein, dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren.“

Wir zeigen das Video an dieser Stelle bewusst nicht, um ihm nicht zu mehr Reichweite zu verhelfen. Wir besprechen hier die Kernthesen des Videos und unterziehen sie einem Faktencheck.

Das Versprechen im Video: „Und ich sag das nicht, weil ich der Herr der Wahrheit bin oder mich für unfehlbar halte. Aber ich habe mich die letzten Wochen und Monate intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und habe mir für dieses Video die allergrößte Mühe gegeben, so klar und präzise wie möglich zu argumentieren.“ Die Quellen sind umfangreich und transparent unter dem Video aufgeführt.

Der Psychologiestudent betont außerdem, dass er jede seine Aussagen zur Diskussion stellen wolle. Dieses Angebot wird von den Usern in den Kommentarspalten rege genutzt, darunter Kritik genauso wie Zustimmung.

  1. Basisfakten: Bekanntheit, Veränderung und Saison
  2. Kritik am Umgang mit der Schweinegrippe
  3. Kritik an Statistiken: allgemein und „in den Medien“
  4. Kritik an Argumenten: wieder Grippe, Reproduktionszahl und Impfstoff
  5. Kritik an der Zuverlässigkeit von PCR-Tests
  6. Kritik an Kommunikation „von Seiten der Medien und auch der Politiker“
  7. Kritik an der Einführung der Maskenpflicht
  8. Kritik am bereits abgelehnten Immunitätsausweis
  9. Vorstellung von Experten – ein Sammelsurium
  10. Fazit Die Zerstörung des Corona Hypes: Vieles wiederholt, aber nichts zerstört
  11. Teil der Lösung: Was ist das für ein Youtube-Kanal?

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1. Basisfakten: Bekanntheit, Veränderung und Saison

Im Video werden drei Fakten vorangestellt:

  1. Viren verändern sich ständig
  2. Coronaviren sind seit Jahren bekannt
  3. Jeden Winter kommt es zu einer erhöhten Sterblichkeit durch akute Atemwegserkrankungen (Grippewelle)
Bekanntheit und Mutation – wenig ergiebig

Soweit gibt es gegen diese drei Fakten nichts einzuwenden, abgesehen davon, dass sich daraus wenig ableiten lässt. Dass Viren sich ändern können, lässt keinen Schluss auf die Einschätzung des neuen Coronavirus zu. Viren können sich so verändern, dass sie harmloser werden oder umgekehrt für den Menschen als Wirt gefährlicher. Wobei man auch hier die Frage stellen müsste, wie das eigentlich genau definiert würde. Denn Viruserkrankungen, die für Infizierte durchgängig starke Symptome bedeuten oder häufiger tödlich enden, verbreiten sich dafür oft weniger stark. Dadurch können sie für den Einzelnen gefährlicher, für eine Gesellschaft insgesamt leichter kontrollierbar sein. Auch kann die Mutation eines Virus bedeuten, dass bereits gefundene Gegenmittel nicht mehr wirken (das simpelste Beispiel ist die jährliche Anpassung der Grippeimpfung) oder das Immunsystem noch nicht auf den neuen Erreger spezialisiert ist.

Dass Coronaviren bekannt sind, stimmt ebenfalls – das neue SARS-Cov-2 hingegen ist es nicht. Und gerade weil Viren mutieren und sich verändern können, bietet das keinen Vorteil im Sinne des vorhandenen Wissens, das sich von anderen Viren des Stamms auf diesen neuen ableiten lassen würde.

Die fehlende Einordnung oder konkrete Ableitung der genannten Fakten macht es schwierig zu erkennen, was ihre Auflistung für die im Video zu Beginn aufgestellte These, „dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren“, bedeuten sollte.

Der Vergleich mit der Grippewelle – ein Klassiker

Psychologie-Student Sebastian zeigt Karten von Grippewellen und die Monate, in denen sie verstärkt auftreten. Was er genau sagen möchte, wird nicht klar. Möglicherweise geht es darum zu verdeutlichen, dass die Corona-Pandemie vergleichbar sei oder schwächer als jährlich auftretende Verläufe von Grippeerkrankungen. Da er allerdings auch hier keine konkrete These formuliert, lässt sich eben nur vermuten, was damit genau belegt werden soll. Im Laufe des Videos wird erneut auf den Grippe-Vergleich verwiesen.

Tatsache ist: Der Vergleich zwischen Grippewellen und dem neuen Coronavirus kursiert schon seit Beginn der Pandemie als Argument für übertriebene politische Maßnahmen. Dass dies nicht haltbar und statistisch irreführend ist, wurde vielfach dargelegt, unter anderem von Correctiv , dem Redaktionsnetzwerk Deutschland oder dem Faktenfinder der Tagesschau – bereits im April. Mehr zu „Grippe vs. Corona“ findest du auch hier im SWR3-Faktencheck-Überblick.

Außerdem gilt, wie an vielen anderen Stellen zu diesem Video: Aktuelle Statistiken dazu, wie viele Menschen an Covid-19 versterben, können in Deutschland nur vor dem Hintergrund der getroffenen Maßnahmen verstanden werden und dienen daher nicht als Argument für oder gegen die Beschränkungen. Wir haben keine Zahlen dazu, wie es sich Deutschland ohne Shutdown entwickelt hätte , egal ob man Befürworter oder Gegner ist. Möglich sind lediglich Vergleiche zu anderen Ländern – und auch die sind mit Vorsicht anzulegen.

Dazu kommt: Grippe – selbst wenn man sie mit Corona vergleichen könnte – ist ebenfalls keine Lappalie. Die Folgen werden gerne unterschätzt, worauf auch das Robert Koch-Institut (RKI) bereits seit Jahren hinweist.

Das Risiko einer Influenzaerkrankung sollte vor jeder Saison ernst genommen werden.

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts

2. Kritik am Umgang mit der Schweinegrippe

Als wichtiges Wissen („was man auch unbedingt wissen sollte“) wird außerdem vorausgeschickt, dass die Schweinegrippe 2009 relativ harmlos verlief, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die höchste Pandemiestufe ausgerufen hatte. Ein genauer Zusammenhang, was die Entscheidung damals mit der Corona-Lage heute zutun hat, wird auch an dieser Stelle nicht konkret formuliert. Durch eingespieltes Filmmaterial einer Arte-Dokumentation, in dem auch die heute im Fokus stehenden Experten Christian Drosten und Wolfgang Wodarg gegeneinander geschnitten sind, vermittelt sich der Eindruck, dass die Schweinegrippe-Einschätzungen von damals mit denen der Pandemie heute vergleichbar seien. Der beteiligte Epidemiologe Drosten äußerte sich dazu bereits im Mai in seinem Podcast.

Man hat sich am Anfang der Schweinegrippe-Pandemie schon verschätzt, was die Schwere angeht. Aber wie es im Nachhinein dargestellt wird, ist auch nicht richtig.

Christian Drosten im NDR-Info-Podcast

Wie mit neuen Erregern – von SARS bis Schweinegrippe – in der Vergangenheit umgegangen wurde und welche Erkenntnisse daraus gezogen werden konnten, die heute auch die Einschätzung und Maßnahmen gegen das neue Coronavirus beeinflussen, hat der Deutschlandfunk hier mit mehreren verschiedenen Experten aufgearbeitet.

Experten nennen es Präventionsparadoxon, wenn eine Maßnahme für den Einzelnen nicht merklich etwas bringt, aber von gesamtgesellschaftlichem Nutzen sein kann. Man spürt als Einzelperson nicht, was man insgesamt verhindert hat. War es unsinnig, für Krebsvorsorge zu werben, wenn man bei mir nichts findet? War die Vorsicht im Umgang mit der Schweinegrippe falsch, wenn die große Pandemie in Deutschland nicht angekommen ist? Waren die Maßnahmen im Zusammenhang mit Corona übertrieben, wenn es mich persönlich vielleicht gar nicht getroffen hätte?

Wer nach den getroffenen #Covid19 Maßnahmen in #Deutschland sagt, war doch gar nicht so schlimm, hätte man auch alles lassen können, kann auch morgen mit dem Zähneputzen aufhören, weil er keine Löcher hat. #PräventionsParadox

Ein großer Kritikpunkt ist aber insbesondere im Zusammenhang der Schweinegrippe:

Wenn man das heute nachträglich anrechnet, dann waren das offensichtlich seinerzeit Arzneimittel, wo man jetzt schätzt, dass es bis zu 330 Millionen Euro Kosten verursacht hat. Manche sagen 70 Millionen; die Zahl, die eigentlich auch ganz gut bestätigt ist, ist 330 Millionen bei uns. Also insofern sind es große Geschäfte gewesen, die gemacht worden sind gegenüber einer Erkrankung, bei der man eigentlich schon relativ frühzeitig erkennen konnte, dass sie sozusagen nicht die dramatischen Folgen hat wie die Spanische Grippe oder andere Fälle.

Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom der Universität Bremen zum Deutschlandfunk

Ein Lerneffekt, der für manchen Experten wichtig war, um heute besser zu agieren:

Welche Vorbereitung man treffen muss, wie die Impfstoffentwicklung ist, wie die Kommunikation zu Impfstoffen sein kann und welche Vorbereitungen man auch miteinander in Kliniken, im öffentlichen Gesundheitsdienst, bei den politischen Entscheidungsträgern [treffen muss], was wir da beachten müssen. Dass die Schweinegrippe dann nicht so dramatisch in der Öffentlichkeit wahrgenommen war, empfand ich als Glück, denn das hat ja die Gelegenheit gegeben, dass man das tatsächlich nochmal als Übung sozusagen begreift. Und ich denke, wir haben viele Lehren daraus gezogen.

Petra Dickmann, Universitätsklinikum Jena zum Deutschlandfunk

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass Kritik am Umgang mit der Schweinegrippe damals genauso legitim ist wie die Kritik am Umgang heute mit der Corona-Pandemie. Aus der Darstellung von Maßnahmen oder Aussagen aus 2009 lässt sich aber kein Beweis oder Gegenbeweis dafür entwickeln, dass heute angemessen oder unangemessen mit der Pandemie umgegangen wird.

Und: Selbst wenn sich einzelne Experten in der Vergangenheit verschätzt haben, sagt das nicht notgedrungen etwas über ihre Kompetenz. Denn die Schweinegrippe war damals genauso neu wie heute SARS-CoV-2 und damit als sie auftrat ebenso wenig abschließend einschätzbar.

3. Kritik an Statistiken: allgemein und „in den Medien“

Richtige Hinweise – aber Skandale

In Die Zerstörung des Corona Hypes wird als Beispiel für die Darstellung von Corona-Statistiken „in den Medien“ die Tagesschau aufgeführt. Kritik: Es handle sich nicht um die Anzahl infizierter Menschen, sondern lediglich um diejenigen, die positiv getestet wurden. Das ist absolut richtig und ein sehr wichtiger Punkt für die Interpretation und das Verständnis von Statistiken über Corona im Allgemeinen. In ihrer Statistik führt die Tagesschau genau deshalb in der Überschrift auf, dass es sich bei den Zahlen um Bestätigte Corona-Fälle handelt – also eben nicht um alle, sondern um die durch einen Test bestätigten Fällen.

Tagesschau Screenshot (Foto: Screenshot Youtube)
Screenshot aus dem Video „Die Zerstörung des Corona Hypes“ Screenshot Youtube

Interessant ist, sich den kritisierten Tagesschau-Beitrag nicht nur im Screenshot anzusehen, wie er im Video dargestellt wird. Denn in der Sendung, aus der das Bild stammt, unterstützt ein Sprechertext die Zahlen. Moderatorin Judith Rakers sagt dazu: „Das RKI [Robert-Koch-Institut] bestätigte heute rund 99.200 Infizierte, die Zahl der Corona-Toten stieg auf 1.607“ – es wird also ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um die getesteten und positiv bestätigten Fälle handelt.

Sicher lässt sich darüber diskutieren, ob es genügt, die Zahlen an dieser Stelle unmissverständlich zu transportieren. Tatsächlich macht es die Kürze der Darstellung in einem Nachrichtenüberblick oft schwer, alle Hintergründe – insbesondere bei etwas so Kompliziertem wie dem Coronavirus – ausführlich einzubinden.

Da aber der Ulmer Psychologiestudent nur einen Beitrag anführt, um grundsätzlich die Darstellung „in den Medien“ zu zeigen, ist folgendes zu bedenken:

Die kritisierte Tagesschau-Sendung ist vom 7. April 2020 – zwei Tage später wurden die ersten Zwischenergebnisse der umstrittenen Heinsbergstudie präsentiert. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine breite Debatte über die Dunkelziffer (also jene Zahl von Menschen, die infiziert sind, aber keinen Test gemacht haben, beispielsweise weil sie kaum oder gar keine Symptome haben). In vielen Medien wurde ausführlich über die Problematik der hohen Dunkelziffer berichtet. Auch in der Tagesschau: zum Beispiel hier, hier oder hier.

Längst bekannt: Das Problem mit der Dunkelziffer

Im Video des Ulmer Studenten wird bei Minuten 5:03 eine Grafik gezeigt, in der die Höhe der insgesamt Infizierten über die Kurve der gemeldeten Fälle gelegt wird. Dies soll verdeutlichen, dass die Pandemie überschätzt würde. Denn wenn mehr Menschen infiziert sind, dann wird der Anteil der Verstorbenen geringer – die Sterberate sinkt.

Woher die Kurve kommt, die in der gezeigten Darstellung anschaulich hoch über den Balken der gemeldeten Fälle liegt, ist nicht nachvollziehbar. In der Quellenangabe gibt es keinen Link zu diesem Abschnitt. Tatsächlich forschen Wissenschaftler auf der ganzen Welt an einer Annäherung an eine zutreffende Sterberate. Aktuell gibt es nur Schätzungen. Es ist also unwahrscheinlich, dass der eingezeichneten weißen Kurve valide Zahlen zugrunde liegen, bei der es sich nicht lediglich um Schätzungen handelt. Und genau darin liegt das Problem: Natürlich würde jeder Wissenschaftler gerne die absolute Zahl aller Infizierten wissen – und damit bestätigt dieses Video eigentlich nur die allgemeingängige Expertenmeinung, dass die Dunkelziffer hoch sein wird und es wichtig wäre, das genauer zu wissen.

Kurve aus dem Youtube-Video zur Zerstörung des Corona Hypes (Foto: Screenshot Youtube)
Screenshot aus dem Video „Die Zerstörung des Corona Hypes“ Screenshot Youtube
Corona-Tests erhöhen die Zahl der bestätigten Infektionen?

Auch die nachfolgenden Erläuterungen dazu, dass ein Anstieg bei den Corona-Tests die Zahl der bestätigten Infizierten erhöhen kann, deckt keinen Skandal auf, sondern ist logisch. Aber: Die Tests lösen keine Pandemie aus. Sie zeigen lediglich, wie groß die Dunkelziffer ist. Umgekehrt würde ja auch niemand sagen: Lass uns nicht testen, dann haben wir auch keine Fälle.

Am Anfang einer Pandemie kann das durchaus sein, dass durch Tests die Zahl bestätigter Infektionen nach oben schnellt. Dass aber bei weiterer steigender Anzahl von Tests nicht automatisch die Zahl bestätigter Infektionen steigt, zeigt die Statistik, die im Video angeführt wird. Denn auch wenn in KW20 (11.-17.5.) viel mehr getestet wird als in KW11 (9.-15.3.), sind sowohl die absoluten Zahlen gemeldeter Fälle als auch die gemeldeten Infizierten pro 100.000 Tests (ein relevanter Wert, wie richtig im Video angemerkt wird) niedriger als damals.

Die Statistik ist also eher ein Gegenbeleg statt ein Beleg dafür, dass die Zahl bestätigter Infektionen im Verhältnis zu steigenden Tests zunimmt.

Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, dass die Kriterien für einen Test geändert wurden und anfangs nur Menschen mit starken Symptomen getestet wurden, was für die statistische Interpretation wichtig ist. Zu Beginn und an der Stelle, die Student Sebastian hier als relevant erachtet, wurden keine Menschen getestet, die keine Krankheitssymptome hatten. Die erläutert auch der Volksverpetzer in einem Faktencheck.

Asymptomatische Personen wurden anfangs überhaupt nicht getestet. Wenn man die Kriterien nun ausweitet, wie geschehen, müsste nun eine deutliche Reduktion der positiven Fälle folgen: Aber das ist lange Zeit nicht der Fall.

Später im Video hinterfragt Sebastian, wie verlässlich PCR-Corona-Tests eigentlich sind.

Erkrankung ungleich Infizierte – „grob unwissenschaftlich“?

Die nächste, diesmal sehr konkrete These: Die Zahl der Erkrankten sei maßgeblich für die Abschätzung des Szenarios einer Überlastung von Krankenhäusern, nicht die Zahl der Infizierten. Es habe also ein völlig falsches Kriterium zum Shutdown in Deutschland geführt. „Das nicht zu unterscheiden ist nicht nur fahrlässig, sondern grob unwissenschaftlich“, so der Psychologiestudent. Da stellt sich die Frage: Wenn es doch zu Beginn der Pandemie noch streng reglementiert war, dass Patienten ausschließlich mit Symptomen und Aufenthalt in einem Risikogebiet oder Kontakt zu Erkrankten überhaupt einen Test bekommen haben – wieso sollten dann in der Phase vor der Entscheidung zum Shutdown im März überhaupt symptomfreie Patienten die Abschätzung verzerrt haben?

Darüber hinaus ist bekannt, dass symptomfreie Betroffene den Erreger ebenfalls weitergeben können. Schäden respektive das Ausmaß einer Pandemie einzuschätzen, ist also durchaus auch abhängig von der Anzahl der Menschen, die ein Virus weiterverbreiten können. Sie aus der Rechnung komplett rauszulassen, wäre insofern vermutlich fahrlässiger. Tatsächlich ist das Ansteckungsrisiko nach aktuellem Wissensstand sogar höher, bevor überhaupt noch Symptome auftreten:

Ein Übertragungsrisiko besteht aber schon zwei Tage vor Auftreten von Krankheitszeichen (präsymptomatisch) und ist einen Tag vorher am höchsten.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Dazu kommt: Selbst wenn zumindest eine Aufschlüsselung verschieden starker Krankheitsverläufe sinnvoll gewesen wäre, gab es zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht die Möglichkeiten dazu. Hätte man mit Entscheidungen gewartet, bis das Virus auserforscht ist, hätte es zu spät sein können, es einzudämmen.

Und diese Zeit der wissenschaftlichen Erforschung ist nicht vorbei, es ist längst nicht alles geklärt. Entgegen anfänglicher Annahmen gilt mittlerweile beispielsweise als sicher, dass es sich bei Covid-19 nicht ausschließlich um eine Lungenkrankheit handelt. Die konkreten Langzeitfolgen – auch auf Patienten mit asymptomatischen Verläufen – geben noch Aufgaben für die Wissenschaft her, genauso wie die Fragen danach, ob Infizierte eine Immunität aufbauen, wie lange diese anhalten könnte und ob sie das Virus dennoch weitergeben.

Es befällt nicht nur die Lunge – das haben wir ja am Anfang gedacht – aber das stimmt nicht. Das Virus kann die Blutgefäße angreifen, Blutgerinnsel verursachen und viele andere Organe direkt oder indirekt schädigen: die Nieren – bis zum Nierenversagen, das Herz – bis hin zum tödlichen Herzinfarkt, das Gehirn – bis hin zu schweren Schlaganfällen. Zudem richtet nicht nur das Virus Schaden an, auch das eigene Immunsystem reagiert bei einem schweren Verlauf zu stark, läuft gewissermaßen Amok und schädigt den Körper massiv. Und es zeichnet sich ab, dass es vermutlich auch Spätschäden gibt. Die Lunge könnte zum Beispiel langfristig schwer geschädigt sein.

Patrick Hünerfeld, SWR-Wissenschaft
Sterben Menschen „an“ oder „mit“ Covid-19?

Ein sich immer wieder wiederholendes Narrativ in der Corona-Krise: Die Behauptung, viele Patienten würden „mit“, aber nicht „wegen“ Corona sterben. Ein zentraler Punkt auch in einem Video des Professors Sucharit Bhakadi, das zu einem viralen Hit wurde. Im Video des Ulmer Studenten: „Hier ist es so, und das ist wirklich unfassbar, dass alle Verstorbenen, die positiv getestet wurden, zu den Corona-Toten zählen.“

Er führt ein Beispiel auf, dass wenn er heute symptomfrei positiv auf Corona getestet und morgen aus dem Fenster springen würde, Corona die offizielle Todesursache sei. Das ist falsch. In einer Todesbescheinigung gibt es mehrere Abschnitte, hier wird unterschieden zwischen Todesursachen sowie Erkrankungen, die in einer Kausalkette zum Tod geführt haben und anderen wesentlichen Krankheitszuständen. Beim Statistischen Bundesamt gibt es dazu eine coronaunabhängige Aufschlüsselung zu den Grundlagen der Todesursachensatistik. „Es ist unfassbar, so etwas nennt man Fälschung wissenschaftlicher Daten“, heißt es im Youtube-Video, das sich wohl spätestens an dieser Stelle selbst zerstört.

Was ja aber dahinter steckt: Die Frage, ob Menschen ausschließlich mit und nicht durch das Virus sterben. Die ist für Wissenschafter schwierig zu lösen. Es handelt sich dabei immer um Modellrechnungen. Eine britische Studie legt den Schluss nahe, dass Männer, die mit Covid-19 sterben, 13,1 Lebensjahre verlieren und Frauen 10,5 Jahre. Die Forscher merken an, dass sie die exakte Schwere der Vorerkrankungen nicht einberechnen können, betonen aber, dass selbst wenn dies berücksichtigt würde, immer noch ein hoher Verlust an Lebensjahren bliebe.

Im Mai kam nun eine grobe Analyse für Deutschland heraus, die sich damit deckt: Menschen in Deutschland, die an Covid-19 gestorben sind, hätten ohne die Virus-Erkrankung – und trotz Vorerkrankungen – im Schnitt neun Jahre länger gelebt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Daten-Analyse des NDR. Es liegt also nahe, dass nicht jeder ältere Mensch, der dem Coronavirus erliegt, lediglich „in Verbund mit anderen Krankheiten“ verstirbt, wie Bhakdi behauptet.

Infektiologe Clemens Wendtner, Chefarzt der Abteilung für Infektologie an der Uniklinik in München-Schwabing, sagte dem NDR, die Annahme, das Virus raffe nur die dahin, die ohnehin bald gestorben wären, verharmlose die Situation. Zu den relevanten Vorerkrankungen gehören auch solche, mit denen man durchaus lange leben kann. In den Risikogruppen sind auch Diabetiker, schlecht eingestellte Asthmatiker, Menschen mit starkem Übergewicht oder bestimmten körperlichen Behinderungen – Vorbelastungen, mit denen viele Menschen jahrelang leben können.

Übersterblichkeit – wichtige Aspekte werden ignoriert

Nun wird im Video die „alles entscheidende Statistik“ angeführt. Die absoluten Zahlen für Todesfälle in Deutschland. Wichtig ist hier schon einmal festzuhalten: Todesraten für unterschiedliche Krankheiten werden normalerweise für einen Zeitraum von einem Jahr angegeben. Um wirklich verlässliche Aussagen über die Übersterblichkeit zu treffen, bedürfte es laut Experten der SWR-Wissenschaftsredaktion sogar viele Jahre. Und insbesondere während einer laufenden Epidemie oder Pandemie ändern sich die Zahlen ständig, es sind zunächst Momentaufnahmen.

Und vorgreifend: Wenn wir dann nächstes Jahr die Jahreszahl für die Covid-Todesfälle haben, wird man mit weiteren Angaben zur Mortalität (Todesfälle in Bezug auf die gesamte Bevölkerung) oder Letalität (Todesfälle in Bezug auf die Anzahl aller Erkrankten) vorsichtig sein müssen, denn:

  • Die Letalität wird meist nicht für verschiedene Altersgruppen angegeben. Das ist für den Vergleich mit anderen Erkrankungen und Infektionen sinnvoll, überdramatisiert bei Covid-19 aber das Risiko für junge Menschen und unterschätzt es für ältere Personen, die zu einem sehr viel höheren Anteil zur Risikogruppe gehören. Mit genaueren Patientendaten kann man auch spezifischere Todesraten berechnen, die etwa zeigen, dass besonders ältere Patienten mit Covid-19 versterben.
  • Auch die oft fehlende Differenzierung regionaler Aspekte kann irreführend sein. Durchschnittswerte für bestätigte Todesfälle mit Covid-19 für ganz Italien bilden beispielsweise nicht ab, dass Norditalien viel stärker betroffen war als der Rest des Landes.
  • Noch einmal: Auch wenn Daten erhoben werden, werden sie in Deutschland immer vor dem Hintergrund getroffener Maßnahmen ermittelt. Was gewesen wäre, hätte man nichts getan, lässt sich folglich niemals aus den Zahlen ableiten – weder von Gegnern, noch von Befürwortern des Shutdowns.

Nun werden in diesem Video die Todeszahlen zusammengerechnet: Todeszahlen, die mit Corona zusammenhängen und die, die nichts mit Corona zutun haben. Was vergessen wird: Dass erstens die Todeszahlen in Deutschland vor dem Hintergrund der getroffenen Maßnahmen auch hier nichts darüber aussagen, was ohne die betreffenden Entscheidungen passiert wäre. Und zweitens wirken sich die Maßnahmen auch auf die Verbreitung anderer Infektionskrankheiten aus, genauso wie die Zahl an Verkehrstoten gesunken ist. All das in einen Topf zu werfen, um gegen die Übersterblichkeit zu argumentieren, die es in anderen Ländern durchaus gibt – schwierig.

Student Sebastian merkt an, dass 2018 bei einer erhöhten Todeszahl „kein Hahn danach gekräht habe“. Auch das ist nicht richtig. Die schwere Grippewelle 2017/2018 war ein Thema, über das breit berichtet wurde – zum Beispiel hier, hier oder hier.

4. Kritik an Argumenten: wieder Grippe, Reproduktionszahl und Impfstoff

Vergleich mit der Grippe – immer noch dieselbe Schieflage

Im nächsten Abschnitt des Videos werden bereits angeführte Argumente noch einmal aufgegriffen, es geht wieder um den Grippevergleich und die oben genannten Letalität. Unabhängig von den schiefen Vergleichen zwischen Influenza und Covid-19, bemerkt Student Sebastian im Video völlig richtig, dass man heute mehr über das Coronavirus weiß als zu Beginn der Pandemie. Mehr als zu dem Zeitpunkt also, als beispielsweise erste Einschätzungen der WHO dazu herauskamen, die hier als überzogen kritisiert werden. Und das ist eigentlich ein Argument für einen an Vorsicht orientierten Pandemieplan: Denn wenn noch nicht alle Faktoren klar sind, rechnet man auch die Möglichkeit eines realistischen Worst-Case-Szenarios ein – und versucht, dieses zu verhindern. Man konnte Entscheidungen schlicht nicht aufgrund eines Wissens treffen, das man noch nicht hatte.

Hinzu kommt:

Reproduktionszahl – nichts ist „glasklar“

Die Reproduktionszahl ist einer von mehreren Faktoren, der zur Einschätzung der Pandemie allgemein und den Maßnahmen im Speziellen herangezogen wird. Sie gibt an, wie viele Menschen andere mit dem Virus infizieren. Ein R-Wert von 2 würde heißen, dass ein Infizierter durchschnittlich zwei weitere Menschen infiziert.

Im Video wird eine Statistik mit dem Verlauf der Reproduktionszahl gezeigt. Sie „belegt glasklar, schwarz auf weiß. dass die Reproduktionszahl schon vor dem Lockdown unter 1 lag und dass der Lockdown an der Verbreitung des Virus nichts geändert hat“, heißt es. Die hier verwendete Grafik ist nicht neu, sie kursiert, schon seit April im Netz, eine ausführliche Erläuterung gibt's beim Correctiv. Unter anderem hatte auch die AfD Hamburg auf Twitter geteilt:

AfD Hamburg (Foto: Screenshot Facebook)
Screenshot vom Tweet der AfD Hamburg Screenshot Facebook

Der Fehler: Experten weisen lange daraufhin, dass die Menschen in Deutschland bereits vor dem Shutdown und den damit zusammenhängenden Maßnahmen – an erster Stelle dem Kontaktverbot – ihre Kontakte freiwillig minimiert haben. Professor Gérard Krause, erforscht das Coronavirus am Helmholtz-Institut, sagte dazu in einem ZDF-Interview: „Wir müssen uns klarmachen, dass in Deutschland die Ausbruchssituation eine ganz spezielle war.“ Der erste sehr steile Anstieg der Infizierten-Kurve in Deutschland sei primär durch österreichische Fälle ausgelöst worden – durch sogenannte Cluster, also mehrere Fälle in einem kleinen Radius. Die Gesellschaft sei davon an diesem Punkt noch nicht durchdrungen gewesen.

Wenn wir gar keine anderen Maßnahmen getroffen hätten, hätten wir wahrscheinlich beobachtet, dass es diese Zacke gegeben hätte, es wäre wieder ein bisschen runtergegangen und wäre dann wahrscheinlich wieder sehr steil hochgegangen. Und das ist nicht passiert, da können wir froh sein, dass das nicht passiert ist. Und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hat das nicht nur mit dem Datum des Shutdowns zutun, sondern auch mit der Tatsache, dass das ja vorher diskutiert wurde und vorher schon Maßnahmen getroffen wurden. Menschen haben sich ja auch schon vorher anders verhalten.

Gérard Krause, Infektionsepidemiologe

Verlauf der Corona-Pandemie Reproduktionszahl R – Warum ist die Zahl so wichtig und was sagt sie aus?

Die sogenannte Reproduktionszahl R ist eine der wichtigsten Kennzahlen in der Corona-Pandemie. Auf ihr liegt momentan auch der Fokus in den Berichten des Robert-Koch-Instituts (RKI).  mehr...

Impfstoff gegen Grippe und Corona – hä?

Eine weitere These, die wohl ebenfalls stützen soll, dass Corona nicht gefährlicher sei als Grippe: Es gäbe auch gegen Influenza keinen zuverlässigen Impfstoff. Richtig ist, dass dieser jedes Jahr angeglichen wird, weil sich das Virus immer wieder verändert. Mittlerweile gibt es einen Vierfach-Impfstoff, um die wahrscheinlichsten Typen abzudecken.

Die Auswahl der Grippe-Typen, die mit in den Impfstoff gelangen, ist immer eine Art Poker: Wenn die WHO daneben liegt und eine andere Grippevariante im Umlauf als im Impfstoff ist, dann wirkt der Impfstoff nicht wie erhofft.

Veronika Simon, SWR-Wissenschaftsredaktion

Offen bleibt bei diesem Argument, weshalb das Coronavirus ungefährlicher sein soll durch eine Kritik an Grippe-Impfstoffen.

Überlastung von Krankenhäusern – leider nicht so einfach

Im Video führt der Ulmer Student nun einen Vergleich zwischen den zur Verfügung stehenden Intensivbetten in Deutschland und in Italien auf. Völlig richtig ist, dass Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern über gute Versorgungsmöglichkeiten verfügt. Dies wurde in Politik und Medien auch ausführlich diskutiert und berichtet (zum Beispiel hier, hier und hier), als sich die Lage insbesondere in Norditalien verstärkte und emotionale Schlüsse auf ein vergleichbares Szenario in Deutschland nahe legte. Gesundheitsökonomin Susanne Busch erklärt für die Bundeszentrale für politische Bildung:

Wäre die Zunahme der Infektionsfälle exponentiell weitergestiegen, dann wären wir ziemlich sicher auf eine Überlastung zugelaufen.

Sie erklärt dies nicht nur durch die Anzahl von Intensivbetten, sondern auch durch die Verfügbarkeit von Schutzkleidung und Masken insbesondere zu Beginn der Pandemie, genauso wie die Möglichkeit, Patienten ausreichend zu isolieren. Auch Engpässe bei der Belieferung von Arzneimitteln seien ein Problem. Und: Wie in Norditalien gesehen, können starke Infektionswellen auch bestimmte Regionen stärker betreffen als andere. Nur weil insgesamt also genügend Beatmungsgeräte oder Intensivbetten vorhanden sind, heißt das nicht, dass sie dort sind, wo sie gebraucht werden. Datenforscher der Universität Konstanz haben deshalb eine digitale Landkarte entwickelt, mit der sich drohende Engpässe bei der klinischen Versorgung vorhersagen lassen.

Richtig ist, dass Krankenhäuser nicht nur in der Corona-Pandemie überlastet sein können. Im Video gibt es dazu ein Beispiel aus Spanien und Italien, aber das gibt es durchaus auch in Deutschland:

Engpässe vor der Pandemie hatten wir beispielsweise bei der Schlaganfallbehandlung auf spezialisierten Stationen.

Susanne Busch, Gesundheitsökonomin zur Bundeszentrale für politische Bildung

Allerdings: Dass Krankenhäuser auch in anderen Situationen überlastet sein können, ist kein Argument für oder gegen die Kapazitäten und Versorgungsmöglichkeiten von Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind.

Luftverschmutzung und Corona – wird noch erforscht

Ein Argument, das ebenfalls schon in mehreren Beiträgen, beispielsweise im Video von Professor Bhakdi, zur Pandemie-Kritik aufgetaucht ist: Luftverschmutzung in anderen Ländern habe die Auswirkungen verschärft, in Deutschland wären Infektionswellen im Ausmaß wie in anderen Ländern gar nicht möglich gewesen.

Der Berliner Virologe Christian Drosten sagte in seinem Podcast, dass „einiges darüber spekuliert werde“, dass aber weitere Faktoren auch zu berücksichtigen seien – wie beispielsweise eine Vorbelastung der Lunge durch das Rauchen. So sei für Drosten eine mögliche Erklärung dafür, dass in China mehr Männer als Frauen an Covid-19 erkrankt sind, dass „in China vor allem die Männer rauchen“. Auch andere Experten halten dies für möglich, es gibt erste Studien dazu aus China, das Robert-Koch-Institut führt Raucher mittlerweile mit einer schwachen Evidenz für schwere Krankheitsverläufe als Risikogruppe auf. Darüber hinaus gibt es Studien, dass Männer häufiger von schweren Verläufen betroffen seien als Frauen. Das liegt allerdings vermutlich nicht an den Genen, sondern an unterschiedlichem Verhalten, wie SWR Wissen hier aufschlüsselt.

Ende April kam hierzu eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg heraus: Die Forscher sind die ersten, die konkrete Zahlen – und damit neue Hinweise – zum möglichen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Corona vorgelegt haben. Hier findest du mehr Infos zur Studie.

Zusammengefasst: Ganz sicher, wie genau welche Faktoren – beispielsweise die Luftverschmutzung – mit der Ausbreitung des Virus und den Krankheitsverläufen zusammenspielen, ist man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Studien liefern aber Hinweise darauf hin, dass der Einfluss von Luftschadstoffen durchaus eine Rolle spielen könnte.

5. Kritik an der Zuverlässigkeit von PCR-Tests

Weil PCR-Tests, mit denen Corona bei Patienten nachgewiesen werden soll, hochsensibel sind, stellt Student Sebastian in seinem Video fest: „Es wäre nicht das erste Mal, dass durch einen überempfindlichen PCR-Test eine Epidemie gemessen wird, die es gar nicht gibt.“ Weiter: „Und sollte es uns nicht ein bisschen beunruhigen, dass auch der – übrigens von unserem werten Herrn Drosten entwickelten PCR-Test auf Corona im Schnellverfahren entwickelt und nicht amtlich validiert wurde?“

Uwe Gradwohl aus der SWR-Wissenschaftsredaktion hat sich damit für SWR3 befasst: „Richtig ist zunächst mal, dass zum Nachweis des SARS-CoV-2-Virus PCR-Tests eingesetzt werden. Richtig ist auch, dass es einen statistischen Effekt gibt, der dazu führt, dass gerade bei positiven Testergebnissen (Patient ist infiziert) Skepsis angebracht ist.“

Die Tests müssten nämlich zwei Dinge gleichermaßen gut leisten:

  1. Sie müssen zum einen zuverlässig bei Infizierten Alarm schlagen (eine hohe Sensitivität besitzen) und
  2. genauso zuverlässig bei Nicht-Infizierten ein negatives Ergebnis anzeigen (eine hohe Spezifität besitzen).

Ersteres können die Tests in der Regel sehr gut. Der Nachweis der Nicht-Infektion gelingt aber weniger gut und so werden Patienten, die eigentlich negativ sind, dann als Virusträger ausgewiesen. Diese „Falsch-Positiven“ können in der Statistik zu einem Problem werden – nämlich genau dann, wenn in der untersuchten Bevölkerung viele Echt-Negative vorhanden sind und deshalb allein aufgrund der Masse an Testungen auch eine große Menge falsch positiver Ergebnisse zustande kommen muss. Genau diese Situation liegt bei SARS-CoV-2 vor.

Das ist jedoch auch den Entwicklern der Tests und den Anwendern durchaus bewusst.

SWR-Wissenschaftsexperte Uwe Gradwohl erklärt: „Die PCR-Tests reagieren nicht nur auf einen Zielabschnitt im Genmaterial des Virus, sondern auf zwei. Das erhöht ihre Empfindlichkeit deutlich. Dazu kommt, dass positive Ergebnisse noch mit einem zweiten Test gegen gecheckt werden können. Dem an der Charité von Professor Drosten entwickelten Test bescheinigt das Ärzteblatt eine Spitzenposition hinsichtlich seiner Genauigkeit. Ein weiterer, etwas anderer PCR-Test der Charité soll dem Ärzteblatt zufolge zwar bei winzigen Virusmengen weniger gut funktionieren, er wird aber in der Regel nur als Zweittest eingesetzt, um positive und falsch positive Testergebnisse voneinander zu trennen.“

Insgesamt lässt sich sagen: Die im Fall des neuen Coronavirus eingesetzten PCR-Tests sind deshalb von so großer Genauigkeit, dass sie in der Praxis nicht dazu führen, dass eine Schwemme von falsch positiven Ergebnissen die Statistik der sich ausbreitenden Pandemie verzerren würde.

Corona-Check Das sind die Probleme mit privaten Antikörper-Tests

Reutlingen wird zur Teststadt: Ab kommendem Mittwoch will dort das Helmholtz-Zentrum eine große bundesweite Corona-Antikörper-Studie durchführen. Geht das auch privat? SWR3-Redakteurin Ulrike Till hat es herausgefunden.  mehr...

6. Kritik an Kommunikation „von Seiten der Medien und auch der Politiker“

Für den Ulmer Psychologiestudenten ist klar: „Die Angstkommunikation von Seiten der Medien und auch der Politiker war absolut unverantwortlich. In einer solchen Situation sind Angst und Panik das letzte, was man gebrauchen kann.“ Nun ist es aufgrund der Verallgemeinerung schwer zu erkennen, welche Medien oder Politiker denn genau mit diesem Vorwurf gemeint sind. Richtig ist aber natürlich, dass Panikmache kontraproduktiv ist. Richtig ist auch, dass man im Einzelfall darüber diskutieren muss, ob ein bestimmtes Medium mit einem bestimmten Inhalt – oder ein Politiker mit einem bestimmten Satz – den richtigen Ton getroffen hat zwischen notwendiger Information und unnötiger Panikmache. Aber:

  • „Strafen Sie diejenigen, die versuchen, Angst und Falschmeldungen zu verbreiten, mit Nichtbeachtung.“ – „Die Folgen von Angst können weit größer sein als die durch das Virus selbst.“ Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Regierungserklärung 4.3.2020
  • „Die erste Verhaltensregel lautet also: Keine Panik!“ Tagesschau
  • „Nach wie vor gilt: keine Panik! Aber es ist mehr als 'ne Grippe und es geht um Eure Oma und Opa!“ Radio Fritz
  • „Keine Angst vor der zweiten Welle“ NDR info
  • Wie auch immer sich der Verlauf von Covid-19 in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt: Verfallen Sie nicht in Panik! Das ist ernst gemeint, denn Panik ist unangemessen – Sorge hingegen aktuell leider nicht.“ Spiegel
  • „Keine Panik, aber Vorsicht – wie man sich in Deutschland nach den ersten Fällen auf das Coronavirus einstellt.“ SWR Aktuell
  • „Ganz generell müssen Eltern keine Panik bekommen. Das Kawasaki-Syndrom ist sehr, sehr selten und wird, nach allem was man bisher weiß, auch nicht häufiger durch das neue Coronavirus ausgelöst als durch andere Viren.“ SWR Wissen
  • „Momentan ist die Lage so: Wir müssen uns über den Ernst der Lage alle klar sein, sollten aber keinesfalls in Panik verfallen.“ DASDING
  • „Allerdings gibt es keinen Grund zur Panik.“ SWR3
  • Insgesamt würde ich sagen, muss man keine Panikstimmung verbreiten.“ SWR3
  • „Es gilt: Keine Panik vor Corona – aber der angemessene Respekt, der vor Leichtsinn bewahren kann.“ SWR3

Da muss schon die Frage erlaubt sein, was eher Panik auslöst: Über ein Virus zu berichten, aktuelle Erkenntnisse einzuordnen, die Menschen zu informieren und dazu aufzurufen, nicht in Panik zu verfallen? Oder aber, ein Youtube-Video online zu stellen, in dem Misstrauen, die Angst vor Manipulation, Betrug und Unverantwortlichkeit „von Seiten der Medien und auch der Politiker“ sowie einzelner Wissenschaftler geschürt wird?

Beruhigend: Im ARD-Deutschlandtrend wird auch immer wieder abgefragt, wie groß die Angst unter den Deutschen vor einer Infektion mit dem Coronavirus ist. Der letzte Wasserstand von Juni: 75 Prozent der Deutschen machen sich keine großen Sorgen über eine Ansteckung mit dem Coronavirus – auf eine Panik, ausgelöst durch wen auch immer, lassen diese Zahlen jedenfalls nicht schließen.

7. Kritik an der Einführung der Maskenpflicht

Nächster Kritikpunkt: Die Einführung der Maskenpflicht in Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln in Deutschland. „Muss man da noch irgendwas dazu sagen“, ist die einzige Einordnung, die der Ulmer Youtube-Student gibt, nachdem er das Einführungsdatum auf einer Grafik gezeigt hat, an dem sinkende bestätigte Fälle von Covid-19 abbildet sind. Was nicht gesagt wird: Die Maskenpflicht wurde nicht willkürlich eingeführt und auch nicht aufgrund zunehmender Infektionszahlen, sondern gleichzeitig mit den ersten Lockerungen.

Gemeinsam können wir den positiven Trend im Kampf gegen das Coronavirus fortsetzen. Es kommt auf jeden von uns an, denn die Pandemie ist noch nicht vorbei. Wenn wir uns an die AHA-Formel halten, bauen wir auf unsere Erfolge auf und sorgen für einen sicheren Alltag. https://t.co/qoLH9MpypK

Der Mund-Nasenschutz ergänzt die Abstands- und Hygieneregeln dort, wo selbige nicht immer eingehalten werden können. Tatsächlich waren die Empfehlungen zum Mundschutz in der Pandemie wohl mit das Verwirrendste überhaupt. Erst hieß es, Mundschutz bringe nichts, dann wurde er plötzlich gelobt. Warum es so schien, als würden sich alle Experten widersprechen und was wir über den Nutzen von Mundschutz wissen, kannst du hier im SWR3-Faktencheck zum Mundschutz ausführlich nachlesen.

SWR3-Faktencheck Warum gibt es unterschiedliche Einschätzungen zu Mundschutz?

Rund um Mundschutz und Atemmasken herrscht viel Verwirrung. Erst hieß es, die Masken bringen nichts. Dann, sie würden nur andere schützen. Und nun kommt gibt es Maskenpflicht in allen Bundesländern. Wir machen den Mundschutz-Faktencheck.  mehr...

Im Youtube-Video werden nun wortlos Artikel eingeblendet, die wohl belegen sollen, dass die Maskenpflicht unsinnig ist. Die beiden ersten Artikel, die gezeigt werden, sind allerdings gar keine Belege, auch wenn es in der Überschrift erst einmal so wirken mag:

Artikel 1: Stuttgarter Zeitung, „WHO gegen allgemeines Mundschutztragen“

Der Artikel ist vom 30. März 2020, vor dem Hintergrund der damals eingeführten Maskenpflicht in Österreich wurde in Deutschland über den Nutzen diskutiert. Im Artikel werden Pro- und Kontrastimmen abgebildet. Unter anderem wurde WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan zitiert: „Unser Rat: wir raten davon ab, Mundschutz zu tragen, wenn man nicht selbst krank ist“, hieß es. Das macht in der Theorie auch Sinn, denn man schützt ja mit einem herkömmlichen Mund-Nasenschutz nicht sich selbst, sondern die anderen davor, dass man sie ansteckt. Das Argument zerlegt sich aber selbst, sobald klar ist, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass sie selbst ansteckend sind – entweder, weil sie milde bis symptomfreie Verläufe haben, oder aber, weil die Symptome noch nicht ausgebrochen sind. Heute zeigt sich außerdem, dass das Infektionsrisiko vor dem Auftreten der ersten Symptome unter Umständen sogar am höchsten ist. Dann wäre es zu spät, einen Mundschutz anzuziehen, so wie es WHO-Nothilfedirektor Ryan empfohlen hat.

Der Artikel ist also ein Beleg dafür, wie kontrovers eine Einführung der Maskenpflicht unter verschiedenen Aspekten geführt wurde – aber keiner dafür, dass Mundschutz nichts bringt.

Artikel 2: Ärzte Zeitung, „Montgomery hält Maskenpflicht für falsch“

Auch in der Ärzte Zeitung vom 23.4.2020: Eine Überschrift, die eindeutig zu sein scheint. Hier heißt es:

„Ich trage selber eine Maske aus Höflichkeit und Solidarität, halte eine gesetzliche Pflicht aber für falsch“, sagte er der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Denn: „Wer eine Maske trägt, wähnt sich sicher, er vergisst den allein entscheidenden Mindestabstand.“ Bei unsachgemäßem Gebrauch könnten Masken gefährlich werden. Im Stoff konzentriere sich das Virus, beim Abnehmen berühre man die Gesichtshaut, schneller könne man sich kaum infizieren, betonte der frühere Präsident der Bundesärztekammer (BÄK). Aus Sicht von Montgomery sollte es eine gesetzliche Maskenpflicht nur für echte Schutzmasken geben – eine Pflicht für Schals oder Tücher sei „lächerlich“. Zugleich verwies er darauf, dass man derzeit „echt wirksame Masken“ für das medizinische Personal, Pflegende und Gefährdete brauche.

Die Argumente hier:

  • Maske ersetzt den Mindestabstand nicht – könnte aber dazu verleiten. Davor warnten Experten immer wieder, hat aber nichts mit der Sicherheit von Masken zutun, sondern mit dem Verhalten der Menschen.
  • Bei unsachgemäßem Ausziehen der Maske könne man sich infizieren, sofern Viren irgendwie auf den Stoff gekommen seien. Das ist richtig, aber wenn die Viren auf dem Stoff der Maske sind, wären sie dann nicht ohne Maske auch schon im Gesicht?
  • Schals oder Tücher bringen nichts. Unterschiedliche Stoffe sind unterschiedlich durchlässig – ein Risiko der sogenannten Community Masks, auf das Experten einstimmig hinweisen.
  • Medizinische Masken sind für medizinisches Personal gedacht. Ein verbreitetes Argument gegen die Maskenpflicht war die Sorge, dass der Durchschnittsverbraucher dem Fachpersonal die spezialisierten FFP-Masken wegkauft. An DIY-Masken hatte noch kaum jemand gedacht.

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8. Kritik am bereits abgelehnten Immunitätsausweis

Ähnlich verhält es sich bei dem kurzen Exkurs zum bereits seit Mai abgelehnten Vorschlag zum Immunitätsausweis. Erstens war die Idee eines solchen Ausweis umstritten, in dem vermerkt werden würde, ob man durch Erkrankung oder künftige Impfung gegen das Coronavirus immun sei. Wobei eine Immunität durch Erkrankung noch nicht wissenschaftlich belegt ist, ein Impfstoff nicht in Sicht und außerdem fraglich, ob es Vorteile für einzelne Menschen geben darf, selbst wenn sie Immunität nachweisen könnten. Daneben aber schürte der Entwurf auch Gerüchte um eine Impfpflicht, die sich im Netz wie ein Lauffeuer verbreiteten.

Dass der Entwurf vom Tisch ist, gibt Student Sebastian in seinem Video zur Zerstörung des Corona Hypes an. Er versucht aber an einem Zusammenhang zu einer Impfpflicht festzuhalten: „Medien sprachen also zurecht von einer Impfpflicht durch die Hintertür.“ Wieder wird „Medien“ als Überbegriff verwendet, deshalb lässt sich nur zu den beiden eingeblendeten Medienberichten etwas sagen. Auch hier: scheinbar eindeutige Überschriften, die beim Ansehen des Videos die These untermauern, dass mit dem Immunitätsausweis auch gleich eine Impfpflicht eingetütet werden sollte. In den Artikeltexten wird klar, dass es sich auch hier nicht etwa um Belege der Aussagen des Psychologie-Studenten handelt, sondern eigentlich um Gegenbelege:

  • Tagesschau, 11.5.2020 „Vom Immunitätsnachweis zur Zwangsimpfung?“: „Mit dem Immunitätsausweis sahen viele die Zwangsimpfung durch die Hintertür kommen. Inzwischen ist der Plan vom Tisch - doch viele glauben immer noch an entsprechende Vorhaben. [....] Das Gerücht um angebliche Corona-Zwangsimpfungspläne - ein Impfzwang war übrigens in keiner Version der Novelle enthalten - hält sich jedoch hartnäckig.“
  • Berliner Zeitung, 3.5.2020 „Impfpflicht durch die Hintertür?“: Hier heißt es zwar „Bundestag und Bundesrat werden im Schnelldurchlauf neue Regeln beschließen, mit denen Bürger nachweisen müssen, dass sie geimpft oder immun sind. Das ist noch keine direkte Impfpflicht – doch Politiker aller Parteien machen sich bereits für diese stark.“ Es heißt aber auch: „Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet vorerst nicht damit, dass bei Vorliegen eines Impfstoffs gegen das Coronavirus auch eine Impfpflicht kommen müsste. Sein Eindruck sei, dass die allermeisten Bürger sich eine solche Impfung wünschen würden, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. „Überall da, wo wir durch Bereitschaft und gutes Argumentieren zum Ziel kommen, braucht es aus meiner Sicht keine Pflicht.“

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9. Vorstellung von Experten – ein Sammelsurium

Im Weiteren werden verschiedene Experten zur Corona-Thematik zusammen geschnitten. Dabei sind der Bonner Virologen Henrik Streeck, der die Heinsberg-Studie gemacht hat, der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel, der Leichen von Corona-Verstorbenen untersucht, aber auch der emeritierten Mikrobiologie-Professor Sucharit Bhakdi, der häufig auf Youtube auftritt, genauso wie der umstrittene Arzt Wolfgang Wodarg und einige mehr. Was genau einen guten Experten ausmacht oder welche Thesen hier genau besprochen werden sollen, geht aus dem Zusammenschnitt nicht hervor, wird nicht weiter erläutert und eignet sich daher nicht für einen Faktencheck.

10. Fazit Faktencheck Die Zerstörung des Corona Hypes: vieles wiederholt, aber nichts zerstört

Vieles gab es schon

Insgesamt muss man sagen, dass in dem Video Die Zerstörung des Corona Hypes keine Argumente angeführt werden, die neu sind oder Aspekte in der Debatte anregen, die noch nicht ausdiskutiert wurden. In einer doch sehr umfangreichen Stunde werden bekannte Erzählungen rund um Corona mehr oder weniger klar strukturiert zusammengetragen. Fast alles kursiert so bereits auf verschiedenen Plattformen – teilweise seit Monaten. Selbst einzelne im Video gezeigte Grafiken wurden bereits analysiert und gewisse Interpretationen als unsinnig entlarvt. Stellt sich die Frage, weshalb sie trotzdem wieder in einem Video Verwendung finden, in dem doch eingangs recht hohe Ansprüche an den eigenen Inhalt und vor allem Zahlen und Statistiken gestellt wurden.

Lücken sind keine Beweise

Wie in vielen anderen Videos, in denen jemand sich in der Corona-Krise als Aufklärer oder wenigstens als Kritiker positionieren möchte, wird auch hier vorwiegend auf Lücken in Statistiken und Datengrundlagen verwiesen, statt tatsächliche Beweise zu führen. Das ist dünn, denn: Ein Fehler oder Kritikpunkt in einer Statistik – so es denn einer ist – belegt nicht gleichzeitig ihr Gegenteil.

Im Nachhinein ist man schlauer – vielleicht

Die grundsätzliche Herangehensweise, Beschlüsse von Pandemie-Maßnahmen im Nachhinein als falsch belegen zu wollen, bedürfte zumindest einer Einordnung, welchen Kenntnisstand man damals hatte und was wir heute zusätzlich wissen. Denn eine derart scharfe Verurteilung politischer Entscheidungen müsste schon erläutern, was zu diesem Zeitpunkt als Entscheidungsgrundlage diente und was man über das neuartige Coronavirus noch nicht wissen konnte.

Tatsächlich ist es ja so, dass die Regierung Lockerungen gewagt hat, als sich abzeichnete, dass die Pandemie in Deutschland soweit ganz gut im Griff ist. Ergo: Man hat zunächst Sicherheitsmaßnahmen getroffen und als die Erkenntnisse es hergaben, Stück für Stück zu lockern, wurde dies getan.

Wir wissen nicht, was wir nicht wissen

Noch schwerer nachvollziehbar ist, dass Statistiken als Belege für Politikversagen verwendet werden, die überhaupt nichts darüber aussagen können, wie sich die Lage ohne Maßnahmen entwickelt hätte. Denn alle Zahlen, die wir für die Entwicklung der Pandemie in Deutschland überhaupt erheben können, spielen vor dem Hintergrund der Beschränkungen. Wir wissen nicht, was wir damit genau verhindert haben. Und wir werden vermutlich nie sicher nachweisen können, wie gut oder schlecht es ohne Maßnahmen in Deutschland tatsächlich gelaufen wäre. Das gilt für diejenigen, die die Maßnahmen falsch fanden genauso wie für diejenigen, die sie für richtig halten.

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Umso erstaunlicher: Das neue Video Die Zerstörung des Corona Hypes vom 28.6.2020 hat eine Woche später knapp 500.000 Aufrufe. Es wurde von verschiedenen anderen Usern neu hochgeladen, ein Reupload hat selbst 500.000 Aufrufe. Das Video wurde in sämtlichen sozialen Netzwerken weiter verteilt. Es erschien auch eine Meldung, in der Dr. Wolfgang Wodargs Empfehlung des Videos zitiert wird und die auf Petitionen sowie Spendenaufrufe verweist. Wodarg, der seinerseits ebenfalls stark auf Youtube präsent ist, gilt als umstrittener Experte in der Corona-Krise.

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