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Spektakulär unspektakulär

Kein Schmöker, eher ein Büchlein, 150 Seiten, ohne Verwicklungen: In "Eine Schachtel Streichhölzer" passiert nichts Spektakuläres, und der Erzähler in seinem Wohnzimmer ist ganz zufrieden, ein völlig unspektakulärer Typ. Langweilig? Im Gegenteil, diesen komplett unspektakulären Typen vergisst man nie wieder.

"Guten Morgen" sagt der Erzähler zu Beginn jedes Kapitels, und nennt die Uhrzeit. Emmett ist 44 und steht 33 Tage lang jeden Wintermorgen zwischen vier und halb sechs auf, macht sich im Stockdunkel Kaffee, zündet mit einem Streichholz den Kamin an, setzt sich mit dem gedimmten Laptop in einen Sessel, guckt ins Feuer und schreibt seine Gedanken auf. Über die Ente, die der Familie zugelaufen ist, über Pinkeln im Stehen und über das Geräusch, das eine verstopfte Nase macht. Er beschreibt einen Friseurbesuch mit seinem Sohn und die Katze im hohen Schnee. Er erzählt, wie er manchmal als Einschlafhilfe über ausgetüftelte Selbstmordarten nachdenkt; von den Briefwechseln mit seiner mäkeligen Großmutter oder wie er im Baumarkt Arbeitsstiefel kaufen war und der kleinwüchsige Berater oben auf der Regalleiter Supertramp pfiff. Er erinnert sich, wie er hinter einer Wandverkleidung des Hauses mal eine möglicherweise tollwütige Fledermaus entdeckte, und was passierte, als er deshalb die Polizei rief; seine Phantasie kommt über Spaziergänge auf Friedhöfe und Grabsteine, von dort auf Moos, und von dessen blaugrüner Farbe aufs Nachfüllen der Scheibenwaschanlage vom Auto und auf die Linien der Heckscheibenheizung, die elegant aussehe, wie Notenlinien oder ein in Glas begrabener Eierschneider.

Überhaupt, diese Vergleiche - Legosteine sind bei Baker "leicht wie Rosinen", und die Flammen im Ofenfeuer züngeln manchmal "wie hochtoupierte Haare", manchmal "wie die Wimpel früher um einen Gebrauchtwagenmarkt". Und mit jeder Assoziation kommt er auf ein neues Stück Welt zu sprechen. Ohne Paukenschläge, ohne Dramen - Emmett erzählt vom Alltag, von seinem, der natürlich anders ist als meiner und eurer, und doch auch ähnlich. Und indem Nicholson Baker ihn mit seiner virtuosen Schreibe zum Thema erhebt und genau hinsieht, wird dieser Alltag faszinierend, was er ja auch ist - unser Leben. Und dem kann man ganz schön eindringlich begegnen, in dieser müden Dunkelheit, morgens um halb fünf, wenn alle anderen schlafen.

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